Gartner: Open-Source (zer)stört das Geschäft mit Software

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Nur das Internet hat die Software-Industrie mehr durcheinander gewirbelt als Open-Source-Software (OSS). Zu diesem Schluss kommt eine Studie der Gartner Group. Danach sind den Anbietern proprietärer Software im Jahr 2004 durch OSS 5,64 Milliarden Dollar verloren gegangen. Im Jahr 2009 soll der Verlust 47 Milliarden Dollar betragen.

Von Hermann Gfaller, 15. Mai 2006


Open-Source-Software (OSS), so die Gartner Group in ihrer Studie, ist ein Katalysator, der die Software-Industrie umstrukturiert. Doch ihr Einfluss wird gerne überschätzt. Offene Software genießt weder bei den Unternehmensanwendern noch bei der Branche eine ähnlich hohe Priorität wie bislang die Anpassung an das Internet. Es wird auch weit weniger investiert.

Konkret sagen die Analysten von Gartner voraus, das OSS bis 2009 seinen Anteil am Software-Markt von derzeit rund fünf Prozent auf knapp 20 Prozent vervierfacht (siehe Abbildung). Damit dominiert das konventionelle Software-Geschäft weiterhin deutlich mit rund 80 Prozent Marktanteil. Gemildert werden die negativen Konsequenzen des OSS-Erfolgs für die Software-Industrie zudem dadurch, dass sich der Umsatz (Software und Services) insgesamt auf knapp 600 Milliarden Dollar verdoppelt. Typisch für OSS ist, dass fast die Hälfte der Investments in Firmen-interne Projekte fließt. Das sind laut Gartner genau die rund 47 Milliarden Dollar, die den Anbietern proprietärer Software im Jahr 2009 verloren gehen werden. Im Jahr 2004 lag dieser Wert bei nur 5,64 Milliarden Dollar.

Manche Ergebnisse der Gartner-Studie klingen in deutschen Ohren etwas altbacken. Das liegt nicht daran, dass sie bereits Ende 2005 erstellt wurde, sondern am momentanen Open-Source-Boom in den USA. Nach der Anfangseuphorie Ende der 90er Jahre hat dort das Interesse deutlich nachgelassen und ist erst durch die Suse-Übernahme und im vergangenen Jahr durch große Investitionen von Wagniskapitalisten wieder aufgeflammt. Der Wert der Studie für den reiferen deutschen Markt liegt vor allem darin, dass er Grundregeln des Geschäfts wieder bewusst macht, die häufig im Marketing der Anbieter verblassen.

Proprietäre gegen offene Business-Modelle

Das klassische Business-Modell im Software-Geschäft beruht auf dem Verhältnis zwischen Lizenz- und Dienstleistungsgeschäft. Beide Seiten ergänzen sich nicht nur, ihr Anteil lässt sich auch an die jeweilige Geschäftssituation anpassen. Bei OSS dagegen stammt fast der gesamte Umsatz aus Dienstleistungen und Wartung; und auch dieser kann wegfallen, wenn die IT-Abteilung des Anwenders über ausreichend technisches Know-how verfügt. Im Infrastruktur-Bereich, der Stärke von OSS, ist das nicht selten der Fall.

Das bedeutet nicht unbedingt, dass das klassische Lizenzmodell dem Open-Source-Konzept überlegen wäre. Vielmehr gerät es stark unter Druck, weil es mit den günstigen und oft sogar kostenlosen OSS-Angeboten nicht mithalten kann. Außerdem, so Gartner, schaffen sich die Open-Source-Anbieter neue tragfähige Geschäftsmodelle. Erwähnt werden Service-Abonnements sowie Open-Source-spezifische Beratung, Anpassung, Integration und Management. Insgesamt helfe OSS das IT-Geschäft auszubauen, weil nun auch in Bereichen Lösungen angeboten werden, die nach klassischen Vorstellungen als unlukrativ galten. Zum Beispiel sind Web-Server-Farmen durch den Einsatz kostenloser Open-Source-Software so erschwinglich geworden, dass sich ein breiter Markt mittelständischer Web-Hoster bilden konnte.

Unternehmen senken Kosten

Aus Unternehmenssicht liegt die Attraktion von OSS vor allem darin, dass man bei Bedarf die externen Kosten auf null drücken kann, auch wenn man in der Regel die Unterstützung eines professionellen Dienstleisters sucht, um mögliche Risiken zu minimieren. Aber selbst in diesem Fall sind die Kosten meist deutlich niedriger als bei proprietären Software-Produkten und -Projekten.

Genauso wichtig wie der finanzielle Aufwand sind aber auch Flexibilität beim Einsatz sowie die erforderliche Funktionsvielfalt. Offene Standards und moderne Design-Konzepte sorgen in der Regel für die nötige Flexibilität, und bei Betriebssystemen, Entwickler-Werkzeugen, Middleware und Office-Programmen kann man sich auch über mangelnde Funktionalität nicht beschweren. Dennoch ersetzen Unternehmen in der Regel bewährte Lösungen nicht, nur weil es günstigere Alternativen gibt. Nach der Regel, dass man funktionierende Systeme am besten nicht mehr anfasst, werden sie nur ausgetauscht, wenn es damit ernsthafte Probleme gibt.

Hinzu kommt, dass nicht alle Organisationen in gleicher Weise von Open-Source-Lösungen profitieren können. Kultur und Prozesse der IT-Abteilung müssen passen, und tatsächlich etablieren sich laut Gartner Group nach und nach Open-Source-spezifische Management-Strategien. Am leichtesten findet OSS dabei über neue Projekte mit ausgereiften Produkten wie Web-Servern Eingang in die Unternehmens-DV. Die hier gesammelte Erfahrung führt zur Bildung von entsprechenden Projekt-Teams auch für weitergehende Aufgaben. So wiesen die Open-Source-Techniken für Kunden-Management bereits eine Reife auf, die es erlaube, sie gleichwertig mit proprietären Lösungen in Erwägung zu ziehen.

Chancen für mittelständische Systemhäuser

Generell gilt also, dass sich OSS vor allem in den Unternehmen verbreitet, die ausreichende Kenntnisse für Anpassung und Support im Haus haben, um die Open-Source-Umgebungen selbst betreuen zu können. Kleine und mittlere Firmen führen OSS in dem Maße ein, in dem solche Lösungen von ihren Dienstleistungspartnern angeboten werden. Viele Systemhäuser schulen tatsächlich längst entsprechendes Personal und erarbeiten praktikable Verfahren. Letztere unterscheiden sich deutlich von der heute üblichen Methode, erst ein Produkt zu verkaufen, um dann noch einmal durch Integrationshilfen zu verdienen.

Da es bei preiswerter oder gar kostenloser Software keinen Zwang zum Schutz der Lizenzinvestition gibt, kommt der Dienstleister nur über sein Integrations-Know-how ins Geschäft. Er wird sich daher laut Gartner langfristig darauf einstellen, schon im Vorfeld OSS-Komponenten so zusammenzufassen, dass er mit integrativen Lösungen werben kann. Insgesamt wird dadurch der Markt wachsen, da es für die großen Anbieter in der Regel zu aufwändig ist, sich auf die Bedürfnisse mittelständischer Anwender einzustellen, die kaum weniger anspruchsvoll sind als Großkunden, dabei aber weit weniger ausgeben. Gerade bei den kleinen und mittelständischen Unternehmen aber sieht Gartner die größten Chancen für Open-Source-Anbieter.

Da die Akzeptanz für bewährte Open-Source-Lösungen rasch zunimmt, lassen sich die vergleichsweise hohen Preise für kommerzielle Angebote nicht halten. Die Folge: Dienstleister und Software-Anbieter, denen es nicht gelingt, OSS in ihr Portfolio zu integrieren, geraten mit ihren altmodischen Geschäftsmodellen gefährlich ins Hintertreffen.

Umarmen statt bekämpfen

Große IT-Konzerne wie IBM, Novell und Sun haben das längst erkannt und nutzen OSS sowohl intern, um Kosten zu senken, als auch extern, um Umsatz zu generieren. Dabei wird OSS vor allem als Einstiegsdroge benutzt. Sobald die Ansprüche eines Kunden wachsen, wird ihm der Pfad zu den "professionelleren" und natürlich proprietären Produkten gewiesen. Das gilt nicht nur für klassische Anbieter, auch Open-Source-Spezialisten wie Datenbanker MySQL bieten neben der offenen GPL-Version eine geschlossene Produktvariante an.

In diesem Sinne empfiehlt Gartner Software-, Hardware- und Service-Anbietern eine Umarmungsstrategie, nämlich OSS in die Produktpalette zu integrieren. Damit werde zudem erreicht, dass sich die eigenen Lösungen preiswerter anbieten lassen. Außerdem sollen sie Service-Kompetenz für OSS aufbauen und Partnerschaften eingehen. Vor allem aber, so warnt Gartner, darf man keine der möglicherweise lizenzgefährdenden Entwicklungen des konkurrierenden Konzepts übersehen

Quelle: CNET Networks Deutschland GmbH/ZDNet.de und CNET.de
 
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