Windows 10 auf 'Smartphone-Prozessoren': nach Vorstellung viele Fragen offen - UPDATE

07.12.2017 15:58 Uhr | Geronimo

06.12.2017, 12:03 Uhr:
Moderne Smartphones nutzen bestimmte Prozessoren, auf denen Windows bislang nicht genutzt werden konnte. Gestern wurde eine Lösung für das Problem vorgestellt, was eine gänzlich neue Gerätegeneration bei Notebooks und Tablets zur Folge haben könnte. Doch bereits jetzt scheint klar zu sein, dass Umsteiger mit Problemen rechnen müssen

Windows 10 auf sogenannten ARM-Prozessoren – Gerüchte und Spekulationen dazu gibt es schon lang, doch erst gestern wurden erste Geräte dazu vorgestellt. Und sogleich machte sich Ernüchterung breit. Das fängt schon mit dem Termin an, denn vor Frühjahr 2018 werden weder das angekündigte Asus NovaGo, noch das ebenfalls präsentierte HP Envy x2 erhältlich sein. Und wenn sie dann auf den Markt kommen, wird der verbaute Prozessor nicht das Optimum darstellen. Verbaut wird nämlich der seit längerem bekannte Snapdragon 835 von Qualcomm, der in aktuellen Top-Smartphones wie Samsung Galaxy S8 arbeitet, und nicht der jetzt vorgestellte Nachfolger Snapdragon 845.

Auch bei der Software sind noch längst nicht alle Fragen geklärt. Ursprünglich hieß es, dass die Nutzer keine Einschränkungen in Kauf nehmen müssen, dafür aber von diversen Vorteilen profitieren. Zu letzteren zählen unter anderem „always on“, also der Wegfall von Hoch- und Runterfahren, wie man es vom Smartphone her gewohnt ist. Auch der schnelle Datenfunk LTE ist mit an Bord. Auch bei der Akkulaufzeit soll es Fortschritte geben, denn es werden eine Nutzungsdauer von bis zu 22 Stunden sowie „Akkulaufzeiten von bis zu einer Woche“ genannt.

Doch nun zu den Einschränkungen, und diese betreffen – man ahnt es schon – die Kompatibilität der Anwendungen und Programme. Das deutete sich bei der gestrigen Vorstellung bereits zwischen den Zeilen an, als von „familiar Windows 10 Experience“ und einer „optimierten Version von Office 365“ die Rede gewesen ist. Das ließ befürchten, dass die Software entgegen anders lautender Vermutungen doch umfangreich angepasst werden muss. Und das wird sich vor allem Anfangs bemerkbar machen, wie die bekannte Journalistin Mary Jo Foley von Microsoft erfahren hat. Demnach sollen Anfangs rund 100 bekannte Windows-Anwendungen für das neue System optimiert worden sein, was dann „im Lauf der Zeit“ ausgebaut wird. Hier wird sich erst noch zeigen müssen, ob diese Vorauswahl die Bedürfnisse der meisten potenziellen Nutzer befriedigen wird. Andernfalls droht ein mediales und auch tatsächliches Desaster wie vor einigen Jahren beim Rohrkrepierer Windows RT.

Ein Grund für die Umstellung dürfte sein, dass es Microsoft mit den neuen Geräten jedem Recht machen will. Ausgeliefert werden diese nämlich mit Windows 10 S, bei dem Apps und Programme ausschließlich aus dem Microsoft Store zu bekommen sind. Ein Upgrade auf Windows 10 Pro ist jedoch möglich, und dann können zumindest theoretisch alle x86-Anwendungen installiert werden. Doch ob diese überhaupt laufen, und wenn ja wie, bleibt abzuwarten. Bereits jetzt ist aber klar, dass bei der Performance Abstriche gemacht werden müssen, denn an die Leistungsfähigkeit eines „echten“ Laptops wird die gestern vorgestellte Hardware nicht herankommen.

Update, 07.12.2017, 16:58 Uhr: Inzwischen gibt es weitere Informationen zum verwendeten Prozessor, der von Qualcomm für den Einsatz unter Windows 10 in einigen Punkten angepasst wird. Diese Anpassungen sind wohl auch der Grund, warum der Snapdragon 835 statt des neuen Snapdragon in den ersten serienreifen Geräten zum Einsatz kommt. Geändert wird unter anderem die Verfügbarkeit von WLAN nach Standard 802.11ad, das zwar schneller ist, dessen Reichweite jedoch nur wenige Meter beträgt und durch Wände zumeist abgeschirmt wird. Abgeschaltet werden auch kabelloses Aufladen sowie die Schnellladefunktion Quick Charge 4. Letzteres dürfte den Grund haben, dass kein kompatibles und teures Netzteil die Preise nach oben treibt. Positiv ist aber, dass die Taktfrequenz im Vergleich zur Smartphone-Version leicht erhöht wird, denn statt bis zu 2,45 GHz werden 2,6 GHz erreicht.

(Mit Material von: Microsoft und Dr. Windows)

Meinung des Autors

Die Idee klingt toll: man nehme Windows 10 und mache es nutzbar auf Prozessoren für Smartphones. Das verspricht lange Akkulaufzeit, umfassende Konnektivität dank LTE und vielleicht sogar günstigere Preise als bei einem "echten" Laptop. Doch die gestrige Vorstellung wirkt (wieder einmal) wie ein Schnellschuss von Microsoft, denn wirklich zu Ende gedacht und ausgereift klingt das alles noch nicht. Aber es sind ja noch einige Monate Zeit, in denen man nachbessern kann.

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